Twins Fieber in Osteuropa
"Love System" war ein ausgesprochen flockiger Synthiepopsong fast schon britischer Machart und bereits die dritte Auskopplung aus unserem Album "A Wild Romance". Wie erwähnt, wurde "Love System" von Michael Gerlach, dem Keyboarder unserer Live-Band auf einem 12-stimmigen Synthesizer, dem legendären "Oberheim OBX-a" komponiert und von Ronny dann "twinsgerecht" arrangiert. Sängerin Mandy Parkin steuerte mit ihrer prägnanten Stimme den weiblichen Chor zu dieser Nummer bei. Auch wenn "Love System" vom Refrain her vielleicht nicht ganz an das Kaliber eines "Ballet Dancer" oder "Face To Face" heranreichte, war das Stück in Deutschland ausgesprochen erfolgreich und kletterte unter zu Hilfestellung des "Musikladen-Auftrittes" bis auf Platz 27 der Media-Control Charts. Der Song erreichte am Ende eine knapp sechsstellige Auflage, und auch die weiteren Verkäufe unserer "Wild Romance"-LP/CD profitierten stark davon.
Im Spätsommer 1984 begannen wir dann in verschiedenen Ländern Osteuropas mit unseren Auftritten. Fans aus der DDR, Polen und Ungarn hatten schon seit geraumer Zeit immer wieder mal angefragt, ob wir nicht auch dort mal spielen könnten. In der DDR wurde dieses Ansinnen erwartungsgemäß "von Staats wegen" abgelehnt. Den Grund dafür erfuhren wir natürlich nur inoffiziell: Wir würden nun mal englisch singen (sprich = in der Weltsprache des Klassenfeindes), und wären auch optisch nicht gerade geeignet den Sozialismus im Lande Honeckers voranzubringen, so dekadent, wie wir gekleidet wären und uns auch geben würden. Daher mussten unsere mittlerweile zahlreichen Fans jenseits dieses "antifaschistischen Schutzwalles" auf Twins Liveaufritte in Ost-Berlin, Magdeburg, oder Dresden weiterhin verzichten. Aber es gab für DDR-Fans trotzdem ein paar andere Möglichkeiten uns "in Natura" zu sehen, und diese wurden dann auch wahrgenommen.
Mit Hilfe von unserem Textdichter Tim Dowdall, der gleichzeitig Mitarbeiter einer großen ungarischen Konzertagentur war, wurden wir zum Beispiel nach Polen vermittelt, wo wir als "Stargäste" für das renommierte Zopot-Festival engagiert wurden. Die Reise dorthin, von Berlin aus gesehen eigentlich ein Katzensprung, war abenteuerlich und aufwendig: über die Berliner Sektorengrenze und durch die DDR-Kontrolle gelangten wir zum Flughafen Schönefeld, südlich Berlins. Dann folgte ein Flug mit der Polnischen Gesellschaft "Lot" bis nach Warschau, und von dort ging es mit dem Bus durch das schöne Nordwestpommern immer Richtung Norden, über eine endlos lang scheinende und mit Schlaglöchern übersäte Landstraße. Schließlich erreichten wir Zopot, ein Seebad, das nur wenige Kilometer nördlich und damit in unmittelbarer Nachbarschaft der ehemaligen Hansestadt Danzig (Gdingen) lag.
Wie allgemein bekannt, hatte Danzig und sein "Korridor" im vorigen Jahrhundert nicht nur für die wechselhaften deutsch-polnischen Beziehungen eine wichtige und auch sehr verhängnisvolle Rolle gespielt. Mit dem Beschuss der Westernplatte durch das bewaffnete Schulschiff "Schleswig-Holstein" begann dort am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen der 2. Weltkrieg. Übrigens habe ich niemals wieder so viele altertümliche Pferdefuhrwerke in Betrieb gesehen wie dort, bei dieser spätsommerlichen Reise auf den holprigen, baumbegrenzten Alleen der Pommerellen. Das Ende der Erntezeit stand kurz bevor, und diese Art des landwirt-schaftlichen Transportes war dort auch noch 90 Jahre nach Erfindung des Automobils offenbar unentbehrlich. Das alles machte zwar einen pittoresk-romantischen, im Ganzen jedoch ziemlich deprimierenden Eindruck auf uns. Die polnische Landbevölkerung war einfach, besser gesagt ärmlich gekleidet und auch der wunderschöne Sonnenuntergang hinter endlosen Feldern, den wir auf dieser fast dreistündigen Fahrt im Reisebus erlebten, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es damals in Polen offenbar wesentlich größere Probleme als in vielen anderen osteuropäischen Ländern gab.
Die noch recht frische "Solidarnosc"-Arbeiterbewegung, als alternative Gewerkschaft im Sommer 1980 gegründet, erhielt immer mehr Zulauf. Unruhen, die schon seit einiger Zeit unter der Bevölkerung aufkamen, wurden vom polnischen Regime brutal unterdrückt. Man munkelte aufgrund einer offenbar sehr knapp ausgefallenen Ernte von einer anstehenden Hungersnot, und lange Schlangen vor den Geschäften mit den Waren des täglichen Grundbedarfs waren an der Tagesordnung. Die Versorgungslage in der damaligen DDR, die ich aus vielen Besuchen bei Freunden in Ost-Berlin recht gut kannte, erschien mir im Vergleich dazu fast wie ein Schlaraffenland. Ich reagierte daher auch ziemlich aufgebracht, als sich einer unserer Roadies lautstark über die Qualität unseres Steakessens im Hotel in Zopot mokierte. Das Stück Fleisch sei ihm zu durch und nicht richtig heiß, maulte er. Ich wies ihn heftig zurecht. Draußen auf den Straßen standen Menschen stundenlang nach dem Bisschen an, das es noch gab. Wir dagegen saßen in unserem Luxustempel und tafelten bei Filetsteaks und Wein in einer Parallelwelt. Ein wenig mehr Respekt und Nachsicht angesichts dieser prekären Situation im Lande hätte ich erwartet und machte es ihm auch recht deutlich.
Der Ort des Festivals lag mitten im Wald, eine richtige Waldbühne sozusagen. Das Wetter war weiterhin glänzend. Beim abendlichen Auftritt am anderen Tag spielten wir dann mit unserer Band immerhin eine gute halbe Stunde und traten als einzige Künstler auch live auf. Wir waren erstaunt, wie viele Leute uns dort schon kannten, und alle in unserer Gruppe gaben ihr Bestes. Als wir "A Wild Romance", den vierten Titel unseres Programms gespielt hatten, gab es allerdings einige Aufregung. Genau mit dem Schlussabschlag des Stückes war nämlich der gesamte Strom auf der Bühne ausgefallen und funktionierte erst nach einer schier endlosen Minute wieder. Zum Glück hatten das wohl die wenigsten Zuschauer mitbekommen. Die meisten von ihnen dachten wohl, dieser Gag würde zu unserer Show gehören. Nach zwei Zugaben und ohne weiteren Stromausfall verließen wir dann die Bühne und wurden noch vor der Garderobe von einigen Fans in Empfang genommen, die sich zwischenzeitlich durch die Absperrungen gemogelt hatten. Unser Auftritt war so erfolgreich, dass uns kurze Zeit später Leute aus ganz Polen anschrieben. Viele sandten uns Bilder, die sie direkt vom Bildschirm der Fernsehübertragung abfotografiert hatten, und sogar heute noch lassen sich "Vertreter" unseres "offiziellen" polnischen Fanclubs auf unseren Konzerten in Deutschland öfter mal sehen und plaudern mit uns über die alten Zeiten.
Nach diesem ersten erfolgreichen Auftreten in einem Ostblockland planten wir dann eine Tournee durch Ungarn. Dazu muss man wissen, dass zu dieser Zeit einzelne Auftritte von westlichen Künstlern oder gar komplette Tourneen in Ungarn noch etwas ganz Besonderes waren. Trotz des etwas freiheitlicheren Umgangs der dortigen Behörden mit der eigenen Bevölkerung mussten Auftritte von Stars aus dem "kapitalistischen Ausland" von staatlicher Seite ausdrücklich genehmigt werden. Der ganze Ablauf einer solchen Tournee wurde daher minutiös geplant und musste anschließend eingereicht werden, denn nichts durfte außer Kontrolle der zuständigen Organe geraten. Äußerst hilfreich war, dass es unser Organisator Tim im Vorfeld schaffte, uns bei einer groß besetzten TV-Gala in Budapest zu Gunsten des SOS-Kinderdorfes, einer gemeinnützigen Organisation, die sich auch heute noch weltweit um das Wohl von Kindern kümmert unterzubringen. Ronny und ich flogen also nach Budapest, standen dann plötzlich zwischen den Gruppen "Icehouse" und "Spandau Ballet" zu zweit auf einer riesigen Bühne und flimmerten an einem verregneten Herbstabend zur besten Sendezeit über die ungarischen Bildschirme. Selbstbewusst, wie wir nun mal waren, zogen wir trotzdem unsere Show ab und Ronny sprang sogar von der riesigen Bühne und nahm mit dem Publikum Kontakt auf, was unheimlich gut ankam.
Ich hatten übrigens meine Frau auf dieser Reise dabei, was an diesem Abend dann zu einer unglaublichen Verwechslung führte: Zu dem großen Charity-Programm in der mit vielen tausend Zuschauern gefüllten Halle gehörte, neben dem Auftritt der drei genannten Bands auch der Tanz einer Ballettgruppe mit einer bildhübschen ungarischen Ballerina. Diese vollführte, äußerst sparsam bekleidet und gelenkig wie die Kiefer einer Anakonda beim Verzehr eines Wildschweines, unter dem Titel "Modern Dance" aufreizende, oder noch besser gesagt ausgesprochen zweideutige Verrenkungen auf der Bühne und erregte damit sowohl bei uns als auch beim zum Teil noch recht jugendlichen Publikum in der Halle mächtiges Aufsehen. Fasziniert stellte dabei nicht nur ich fest, dass diese Ballerina meiner Frau auffallend ähnlich sah. Aber meine Frau hatte im Publikum gesessen und nicht auf der Bühne gestanden, das wusste ich doch recht genau. Als wir dann nach unserem Auftritt in Begleitung meiner Frau mit einiger Verspätung den großen Ballsaal für das anschließende, nächtliche Dinner mit den Honoratioren und geladenen Gästen betraten, brandete sofort von allen Seiten Beifall auf. Ja, einige Leute erhoben sich sogar und applaudierten stehend in unsere Richtung. Wir fühlten uns sehr geehrt, waren aber auch irritiert, denn soviel Zuspruch und Ehre hatten wir für unseren Auftritt nicht erwartet. Aber weit gefehlt, die Twins waren gar nicht gemeint
Hermann Gmeiner, der (inzwischen leider verstorbene) Schirmherr dieser Veranstaltung, erhob sich und spazierte schnurstracks auf meine Frau zu, um ihr in gebrochenem Englisch vor allen Anwesenden persönlich zu ihrem "phantastischen und eindrucksvollem Auftritt" und ihren "außerordentlichen tänzerischen Leistungen" zu gratulieren. Wir waren so konsterniert, dass wir diese Verwechslung nicht einmal richtig zu dementieren wagten. Nachdem wir uns dann nach der zweiten Flasche Tokajer einigermaßen von diesem Schrecken erholt hatten, tauchte zu allem Überfluss auch noch die "echte" Tänzerin mit ihrem Gefolge im Bankettsaal auf und guckte fragend in die nun ziemlich entgeisterten Gesichter der meisten Anwesenden, die abwechselnd sie und wiederum auch meine Frau wie eine späte Fata Morgana anstarrten.
Unsere nächste Single, die wir im September 1984 in Deutschland herausbrachten, hieß "The Game of Chance". Wir nahmen im Tonstudio Funk in Neukölln die Grundspuren und den Gesang auf und mischten das Ganze dann wieder in den Hansa Studios in der Köthener Straße, unweit der Berliner Mauer. Toningenieur war wie immer der bewährte Hubert Henle. Als Hansa-Studioleiter fungierte zu dieser Zeit Tom Müller, ein echter Haudegen vieler erfolgreicher deutscher Schlager-Produktionen, den ich neulich im Rahmen einer Betriebsdampferfahrt des Meisel-Verlages wiedertraf. Wir plauschten über die "Achtziger" und daher konnte ich mich noch relativ gut an die folgende Anekdote mit ihm erinnern:
Auf dem riesigen "Solid-State"- Automationspult im Hansa Mischraum stand immer eine grüne Flasche mit Brennspiritus. Man benutzte diesen Spiritus hauptsächlich dazu, die auf dem Pult mit Filzstift markierten Kanalzüge nach dem Bandwechsel wieder abzuwischen, um sie neu beschriften zu können. Eines Tages, ich glaube es war während der "Iko"-Aufnahme, trat Tom während einer kleinen Produktionspause mit unbeteiligter Miene in den Mischraum, erzählte irgendetwas von "hört sich ja prächtig an, was ihr so macht" und meinte dann unvermittelt: "Mensch, habe ich einen Durst". Dann griff er sich vor unseren Augen die Spiritusflasche und trank sie, scheinbar todesverachtend mit einem Zug leer. Erschrocken langte ich bereits zum Telefon um einen Notarzt zu alarmieren, nicht ahnend, dass der Spaßvogel kurze Zeit vorher den Spiritus in der Flasche heimlich mit Leitungswasser vertauscht hatte und jetzt den Helden spielte, um uns mal so richtig anzuführen.
Zurück zu "The Game auf Chance". Dieser Titel war eine Aktion "typisch Twins". Anstatt auf Nummer sicher auf der einmal eingeschlagenen Erfolgsspur weiterzumachen, wollten wir das Rad für uns neu erfinden, experimentierten rum und änderten kurzer Hand mal wieder ein wenig unseren Stil. Wir wollten "progressiver" werden, nicht nur, um allen Kritikern, die uns immer "zu poppig" fanden, endlich mal die richtige Antwort zu geben, sondern auch, weil es uns die neuen Titel von "Depeche Mode" mächtig angetan hatten, die zufällig vor ein paar Monaten im selben Studio produziert worden waren. Doch, obwohl "Game Of Chance" durchaus gelungen war und wir den Song live auch heute noch erfolgreich spielen, stellte sich dieser kleine Stilrichtungswechsel zur damaligen Zeit als kontraproduktiv für uns heraus. Dementsprechend verkaufte sich die Single, auf deren Rückseite übrigens ein gelungenes Coverfoto unserer damaligen Live-Band abgebildet ist, auch unter den allgemeinen Erwartungen. Die Leute, einschließlich die in unserer Firma, hätten wohl wesentlich lieber ein weiteres "Ballet Dancer" gehabt, als diese Reise in musikalisches Twins-Neuland zusammen mit uns anzutreten.
Des weiteren kam hinzu, dass sich im Fahrwasser des sich in Deutschland immer mehr etablierenden internationalen und nationalen "Elektronik-Pops" bei der Hansa ein Projekt gegründet hatte, das aufgrund des sensationellen Erfolges seiner ersten Single nun ab jetzt augenscheinlich die ganze und ungeteilte Aufmerksamkeit unserer Plattenfirma in Anspruch nahm. Dieter Bohlens "Modern Talking". Dieter, wie bereits geschildert bis dato ziemlich erfolglos, hatte damit begonnen, seinen Künstler Thomas Anders nunmehr englisch singen zu lassen und hierzu einen Titel namens "You're my heart, you're my Soul" komponiert. Dazu erfand eine Promotionmitarbeiterin, genauer gesagt, die damalige Freundin von "Kerlchen", den Bandnamen "Modern Talking" und fertig war eine Soße, die in ihrer genialen Einfachheit, immer nur ein wenig variiert, ab diesem Zeitpunkt viele Jahre lang dem deutschen und internationalen Publikum gnadenlos, aber konsequent und vor allem sehr erfolgreich aufgetischt wurde.
Das Jahr 1985 begann dann, wie das Jahr 1984 endete, nämlich mit jeder Menge Stress und Arbeit. Den immensen Studiokosten, die unsere Produktionen mittlerweile verschlangen, wollten wir auf Dauer endlich mal ein Schnippchen schlagen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass der Berliner Senat "produzierendes Gewerbe" - darunter fielen damals auch Tonstudios - mit einer kräftigen Investitionszulage sponserte (was bedeutete, dass man sich von jeder produktionsrelevanten Ausgabe 25% in bar vom Fiskus am Ende des Jahres wiederbekam), und Angesichts der Erwartung, dass wir uns spätestens mit dem kommenden Jahr 1985 in der höchsten deutschen Steuerklasse wiederfinden würden, kam ich im Herbst 1984 auf die Idee, eine Musikproduktionsfirma mit angeschlossenem Tonstudio zu gründen und auch Ronny machte sich bald daran, ein eigenes Studio aufzubauen.
Lest im nächsten Kapitel:
Mein Studiostress, Die 4. Twins LP "Until The End Of Time", wieder in den Charts mit "Love In The Dark”, Die Plagiatsklage, Die große Ungarn Tour